Gastronomie und der Gastroflow

Wo und was
Vor meiner Ausbildung als Fachinformatiker hatte ich einige Jobs in der Gastronomie. Im Kern habe ich überall dass gleiche gemacht: Geld entgegen genommen und Menschen Ware, meistens flüssige, in die Hand gedrückt.
Im Grunde gibt es drei Varianten: Bierwagen, Bars, und Tresenburgen.
Bierwagen sind eng, dafür ist alles in Reichweite und man hat ein Dach und eine ordentliche Zapfanlage.
Bars bieten Freiraum, können dafür aber schnell unübersichtlich und unkontrollierbar werden.
Tresenburgen sind je nach Aufteilung und Tätigkeit der Himmel oder die Hölle. Es kommt ganz darauf an, welcher Aufgabe man nachgeht.
Ich war Springer, Standleiter, Logistikhelfer,Verkäufer, Zapfer, Barkeeper. Als Kellner habe ich mich nie versucht – ich hasse es, Kellnerportemonnaie, Orderman oder ähnliches am Bein kleben zu haben. Die liebsten waren mir die Läden, in denen ich eine Kasse zur Verfügung hatte.
Ich habe Leute aus meiner Tresenburg geworfen, andere vom klauen abgehalten, wurde beklaut, habe Bierfässer im Doppelpack durch die Gegend gewuchtet, und es war ein Heidenspaß, auch wenn ich damals oft nur 4,50 die Stunde verdient habe.
Ums große Geld ging es eh nie, es war für mich eher die Chance, auf Konzerte zu kommen und unterwegs zu sein.

Manchmal der beste Job der Welt
Die besten Abende waren die, an denen wirklich viel los war. An vollen Abenden verzeiht dir weder Kundschaft noch Kollege Fehler, niemand hat Geduld übrig, alles muss schneller gehen, als es möglich ist.
Der Körper ist voller Adrenalin, schweiß fließt in Strömen. Jeder einzelne Reiz verliert sein Gewicht, alles ist nur noch eine große Masse, die es zu ordnen gilt. An diesen Abenden war ich im Flow, und es war gut, so gut, dass ich trotz lausigem Gehalts und mieser Bedingungen immer wieder darüber nachdenke, irgendwo nebenbei zu arbeiten, wo ich dieses Gefühl wieder bekomme.
Der Flow macht süchtig. Einerseits ist es Adrenalin, welches antreibt, andererseits war ich immer gewillt, noch besser und schneller zu werden, was zu einem Meditationsartigem Zustand führte.
Für mich war dieser Zustand immer das Ziel eines Abends. Die einzelnen Menschen verlieren sich, bilden eine fordernde Masse. Eigentlich ist keiner mehr da, nur du, das Material und austauschbare Zielorte. Alles andere war Beiwerk.

Was ich gelernt habe
Arbeit in der Gastronomie ist eine wertvolle Lektion fürs Leben. Sauberkeit, Ordnung, Disziplin und Konzentration sind nötig, um den Kunden ein angenehmes Erlebnis zu schaffen. Man lernt, seine Abläufe zu optimieren, nicht häufiger zu laufen, als nötig ist, die Tätigkeiten so anzuordnen, dass sie optimal sind.
Die räumliche Anordnung des Arbeitsmaterials kann darüber entscheiden, ob man sich auf die Füße tritt oder nicht. Ich will noch heute jedem Gegenstand einen genauen Platz zuordnen. Spätestens wenn man sich den Wohnraum mit jemand anderem teilt, kann solches Verhalten enorm anstrengend werden.
Menschen machen sich erstaunlich wenig Gedanken über andere Menschen, vor allem nicht, wenn sie auf der anderen Seite eines Tresens stehen – ich schaue euch an, Becherklopfer, Dauerschnippser, Nörgler.
Für mich war es Sport nicht unähnlich. Immer schneller und besser werden, um bei der nächsten Runde dem Maximal möglichen näher zu sein.
Gastronomie ist kein genauer Job. Man verlässt die Arbeit nicht nach 8 + 1 Stunden, man verlässt ihn, wenn alles aufgefüllt, gesäubert und für den nächsten Tag vorbereitet ist.

Am Ende eines solchen Tages lag ich noch ewig wach. Adrenalin und der Weg nach Hause hielten mich immer davon ab, müde zu sein. Manchmal vermisse ich die extreme Stille, die nach einem Konzert folgt. Es war ein schöner Kontrast.

 

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